Von Antihelden und Antivillen; von Biomorphen und Ökohäusern

Berlin-Besuch bei Arno Brandlhuber und im Architekturbüro von Muck Petzet. Wir stiegen – im Wortsinn – den kollaborativen Werken von b+ mit Chef-Dramaturg Arno Brandlhuber nach. Poeticwalls’ Fazit gleich vorneweg: immerweiterbauen, bitte.

poeticwalls

Arno Brandlhuber, agent provocateur. Greift zu kurz. Ähnlichkeit mit Rainer Werner Fassbinder, dem radikalen Regisseur und genialen Antreiber mit Hang zur Selbstzerstörung? Schon wärmer. Wie Fassbinder ist Brandlhuber virtuoser Berserker und Erneuerer seines Fachs. Für seine Arbeit geht er Risiken ein und wird dafür verehrt. Im Gegensatz zu Fassbinder sind für den ETH Architekturprofessor Provokationen Zeitverschwendung und Ego-Nummern nutzlos. Brandlhuber ist lösungsorientiert, kollaborativ, verantwortungsbewusst. Er macht reinen Tisch.

poeticwalls

Macht Orte, stiftet Möglichkeiten, verhandelt und arrangiert die baugesetzlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen für Lebensraum neu. Antihelden wie Arno Brandlhuber gibt es nicht mehr viele: Architekur-Materialist, Anarcho-Situationist, Schockgeber, individualistischer Sozialplastiker, Optimist. Für das neue Berlin hat er Nachhaltigeres erreicht, all die urbanistischen Heldentaten zusammengenommen. Gespannt blickt man auf seine nächsten Aktionen, vielleicht an einem ganz anderen Ort. Arno Brandlhuber weiss, was er sich schuldig ist.

Anarcho-Situationist

b+ agiert situationistisch. Nicht bloss weil die Architekten-Kollaboration mit der sterilen Stadtplanung mit klaren Zonen – Wohnen hier, Arbeiten dort – nichts anfangen kann. b+’ architektonische Praxis sind offene funktionale Strukturen, die Situationen entstehen lassen: Begegnung, Überraschung, Kontemplation, Spiel, Umwege – Emotionen. Arno Brandlhuber wurde im Stadtlabor Berlin zu dem was er ist. Wechselwirkend beeinflusst die urbane Intelligenz seiner Bauten die urbane Kultur der Stadt. b+ architektonische Interventionen sind begehrt und immer wertvoller. Weil sie nah am Menschen gebaut sind und uns aus dem Status-Rennen nehmen.  

Archi-Materialist

Materialismus und Ready-Made sind definierende Faktoren im Werk von Arno Brandlhubers b+: Architektur entsteht durch Kontext. b+ setzt Ready-Made Strategien ein und kommt auf Lösungen, deren Bedeutung durch Ort, Inszenierung, Interpretation entstehen. Auch für Rem Koolhaas, Lacaton Vassal und weitere ist Ready-Made ein gut eingetragenes Entwurfsprinzip, das der klassischen Idee des Originals gegenübertritt – Marcel Duchamp bleibt relevant.

Materielle und geistige Nachhaltigkeit

b+ treibt das Ready-Made- und Re-Use-Prinzip in der Architektur auf die Spitze, indem nicht das Neue entworfen, sondern das Vorgefundene – Gebäude, Typologien und Baugesetze – als Material begriffen und durch Eingriffe neu kontextualisiert wird. Also behandelt b+ Architektur nicht als Formschöpfung, sondern als konzeptuelle Rahmung von Bestand, Regeln und Programmen. Diese Vorgehensweise ist auch den Neubauten eingeschrieben. Auffällig ist auch b+’ affirmative Vereinnahmung von Kunst, Populärkultur, Mode, Stil + Design, Musik. “If you want to understand the forces that are effective in (architecture), it is important that you look at other fields of modern life”, sagte bereits Alexander Dorner, Kunsthistoriker.

"Nachhaltigkeit – krass!"

poeticwalls

Fallbeispiel 01 SAN GIMIGNANO LICHTENBERG – einzugsbereit!

poeticwalls
San Gimignano Lichtenberg – der urban-utopische Turmbau sucht neue Besitzerinnen, Besitzer.

Original Berliner Winter mit maximal entsättigtem Januarlicht. In der schnee- und eisbedeckten Ebene von Berlin-Lichtenberg im Osten ragen zwei rohe, schmale Betontürme ins Grau. Wumms wird die Referenz an die mittelalterliche Turm-Stadt San Gimigniano und Arno’s städtebauliche Laborsituation transparent. Breites Grinsen, klar hatte Arno die Artefakt-Qualität des inzwischen belebten Turms sofort gesehen und für sich gerahmt: Ready-Mades mit kultureller Bedeutung. In den 50er-Jahren von der DDR als Industriebau zur Herstellung von Graphit hochgezogen, blieben nur die massiven Türme stehen. Materialisiert sind sie in der besten Betonqualität, die der Arbeiter- und Bauernstaat zu produzieren im Stand war – entsprechend teuer wäre ein Abriss gekommen. Glück gehabt.

poeticwalls
Das Angebot: Turm/Artefakt, 309 m² netto, 2 Hochterrassen. Mit exemplarischer Transformation zum Arbeits- und Denkort.

Aussen monumental. Innen klassisch Brandlhuber b+. Programmatisch radikal. Raum vielleicht für ganz neue Pläne der Benutzerschaft. Die gerasterte Struktur im Erdgeschoss bringt Klarheit und tolle Arbeitsbedingungen. Ein paar hundert Treppen – 40 m – höher, betritt man die obere Sphäre, aktuell von b+ genutzt. Aus dieser Höhe ist die Aussicht von Tisch, Küche, Sofa aus durch bodenlange Fenster bis zum Fernsehturm am Alexanderplatz und weit gen Westen Seelenmassage.

  • poeticwalls
  • poeticwalls
  • poeticwalls
  • poeticwalls
/
Türme wie Akupunktur-Nadeln in den Bestand setzen.

Dass dieses vertikale Artefakt konzeptionell über sich hinaus ins Morgen weist, macht die Immobilie noch interessanter: b+ denkt mit San Gimignano Lichtenberg eine Serie schlanker, vertikaler Typologien vor, die bestehende Stadtstrukturen nicht ersetzen, sondern ergänzen. Eins, zwei, viele Türme konstituieren sich als autonome individuelle Einheiten innerhalb kollektiver Gefüge – als Mikro-Entitäten mit eigener rechtlicher und räumlicher Logik. San Gimignano Lichtenberg ist weniger als Bauvorhaben und Volumen zu lesen denn als Untersuchung der Beziehung zwischen Form, Stadt, Aneignung.

  • poeticwalls
  • poeticwalls
  • poeticwalls
/
Passt der Torre zu deinem Lebensplan?

Was den Komfort angeht, bestimmt. Küche von Kollaborateur Sam Chermayeff, coolste Sanitärräume wie von b+ erwartet. Angenehme Raumtemperaturen. Auf Wunsch wird ein Fassaden-Kabinenlift nachgerüstet, das Projekt ist bereit zur Ausführung. Die Elektroladestation für die Mobilität ist direkt an der Fassade angebracht. Arnos altes Modell i3 war der erste E-Kraftwagen von BMW. Designmässig das Progressivste, was die deutsche Autoindustrie seit dem Porsche 928 vom Band laufen liess, wird aber leider nicht mehr gebaut. Arno kennt sich eben aus in der Produktgestaltung. Die biomorphe Sanitärware im Turm ist von Luigi Colani. Re-Use versteht sich, die Becken, Bidets, WC, gern in der Farbe Curry, gibts nur noch gebraucht. Zurück zum Raumangebot. Auch für b+ Massstäbe ist der Turm superperformativ, gemacht für so ziemlich alle Zustände und Anwandlungen. Räume wie Klängewarten in San Gimignano Lichtenberg auf offene, freundliche Menschen. Für das Dossier und weitere Informationen oder eine Besichtigung sprich bitte mit Michelle Nicol.

poeticwalls
Der Ort

Berlin Lichtenberg bietet Lebensqualität, noch nicht Kiez-Hipsterkultur. Viel Grün, Parks und Wasserflächen, kurze Wege in die Innenstadt. Vom Turm aus sind es mit der S-Bahn/Auto 15 Minuten an den Alexanderplatz. Die wachsende urbane Kultur in Berlin Lichtenberg, das recht zentral liegt, lässt auf eine animierte Entwicklung hoffen.

Fallbeispiel 02 TERRASSENHAUS BERLIN

poeticwalls
Brandlhuber b+ kann Umbau, Weiterbau. Und Neubau. Erstens weil er es kann. Zweitens weil er nicht im Verdacht steht, sich selber zu verwirklichen. Drittens weil wir seinen Ansatz dringend brauchen.

Ich sehe das 2014-2018 erbaute Terrassenhaus, Wohn- und Gewerbebau mit Gastronomie zum ersten Mal. So geht Dichte, individuelle Aneignung, eine Art Gemeinschaft! Architektur als Struktur, nicht als fertiges Produkt. Rahmenbedingungen schaffen, nicht Lebensweisen vorschreiben. Das Endprodukt ist die unendlich liebevolle Optimierung der räumlichen und psychologischen Möglichkeiten für Nutzer, Bewohnerinnen, Ort und Nachbarn. Anschauen, liebe Leserin, macht Mut, gibt Zuversicht. Und antwortet den heuchlerischen, abstumpfenden Upmarket-Wohnbauten der Gegenwart mit Substanz.

poeticwalls
Das Terrassenhaus Berlin

Das Terrassenhaus der Kollaborateure Arno Brandlhuber, Muck Pezet, b+ wirkt wie ein in der Eile abgestellter Stapel von Plattformen, die zufällig eine interessante Form bilden. Passanten, die strassenseitig vorbeigehen, nehmen die umgekehrt getreppte Fassade, die wie eine Grosskatze in den Strassenraum springt, definitiv wahr. Die gegenüberliegende Gartenseite bildet den räumlich-szenischen, gemütlichen Gegensatz: Die multifunktionalen Plattformen dort sind Terrassen, Amphitheater, Volleyball-Felder wenn man mag. Freiluftkonzerte gibts auch.

Die Aussenerschliessung vom Garten her ist mit zwei dramatisch gesetzten halbprivaten Aussentreppen geregelt. Der Zugang zu den Innenräumen im Gegensatz ist diskret: Mit dem Aufzug direkt auf die eigene Ebene. Wer mag da noch in einer Villa wohnen? Müsste schon eine Antivilla sein.*

poeticwalls

Schmankerl: Die Gebirgswand der fensterlosen Betonfläche wird von wenigen Winkeln in der planen Fläche bewegt – eine elegische Wirkung geht von ihr aus. Erinnerung oder Kontemplation auslösend. Die Räume zum Wohnen, Arbeiten sind roh, flexibel organisiert und nutzen die gesamte Gebäudetiefe plus den verschwenderisch grossen Anteil der Terrassenflächen. b+ gibt mit roher Materialität, offenen Grundrissen und Überhöhe Stoff und schafft Rahmenbedingungen, die die Benutzer zu Akteuren machen: der Vorteil aller b+ Bauten.

poeticwalls

Alles fliesst im Terrassenhaus. Energien, Perspektiven. Auch das Regenwasser von den um 2° geneigten Terrassen. Bei Starkregen bildet das gut ablaufende Wasser einen Wasserfall. Keine versteckten Abflussrohre stören und schlagen auf die Rechnung. Radikale, pragmatische Klarheit mit Erlebnisbonus – noch ein b+ Erkennungszeichen. Die Unterseite der Betonterrassen, da wo sie die Wohnungen überdecken, ist eine dicke Iso-Schicht unverkleidet auf die Zimmerdecke gepappt: Klotz an der Decke. Sieht aus wie Kunst, ist aber Nachhaltigkeit. Terrassenhaus Berlin, dieses urbane, divers bespielte Felsenriff in der urbanen Brandung in Berlin-Wedding zieht Menschen und Vorstellungen an. Zu erleben auch in der Brunnenstrasse.

poeticwalls

Fallbeispiel 03 BRUNNENSTRASSE

Zu erleben in allen b+ Bauten. Auch im Wohn-, Gewerbe- und Boutique-Neubau von 2007-2010 an der Brunnenstrasse: b+ setzt leistungsfähige Chips in die Stadt ein und bringt Aktion und Zuversicht in die Umgebung. Brandlhubers b+ gehört zu den radikalsten und zukunftsstiftenden Beeinflussern des neuen Berlin. Was Berghain für Entgrenzung, die Neue Nationalgalerie für die zeitgenössische Kunst ist b+ für Architektur und urbane Strategien.

  • poeticwalls
  • poeticwalls
  • poeticwalls
  • poeticwalls
/

Fallbeispiel 04 Zu verkaufen im Baurecht: Kult-Ökohaus von Frei Otto mit Arno Brandlhuber-Einbau im Botschaftsviertel am Tiergarten.

poeticwalls

Arno Brandlhuber ist hardcore Architektur-Fan. Begeistert sich für alle Arten von Architekturen und Artefakten. Gern Nachkriegsmoderne, gern mit Schmackes. Strumpffabriken zu Wohnraum, Bunker zu Kitas. Familie Brandlhubers aktueller Stadtwohnsitz ist das Ökohaus, ein Vorgänger des nachhaltigen Bauens des Architekten und Theoretikers Frei Otto, erbaut 1984/87. Das Prinzip der Ökohäuser – «Rohbau und Ausbau im Selbstbau» – ergibt durch die individuellen Einbauten der einzelnen Besitzer im Baurecht bis heute eine entspannte Collage. Ottos Grundidee war simpel und robust: Er entwarf zwei 35 und 60 Meter hohe Stahlbetongerüste als baukonstruktive und versorgungstechnische Infrastruktur, verzichtete aber auf die Autorenschaft für Grundrisse und Fassade. Selbstbau hiess hier, dass die Bewohner eigenverantwortlich, beraten durch Architekten oder Bauleute, ihre Wohnungen auf „Bauplätzen auf der Etage“ nach ihren Bedürfnissen und Wünschen gestalten konnten. Im Hausteil der Brandlhubers sah man zu Beginn weder das beindruckende Tragsystem noch Spurenelemente von Beton, alles war verkleidet und übermalt. Also wurde dem Duplex-Modul die volle b+ Behandlung zuteil. Mehr darüber im Verkaufsdossier, das Ihnen Michelle Nicol gern zusendet.

  • poeticwalls
  • poeticwalls
  • poeticwalls
  • poeticwalls
/
Frei Otto

Mit den bis heute begehrten Ökohäusern im vornehmen Botschaftsviertel am südlichen Tiergarten, verwirklichte Frei Otto seine Idee vom ökologischen und gemeinsamen Bauen.Frei Otto (1925 – 2015) zählt neben Richard Buckminster Fullerund Santiago Calatrava zu den wichtigsten Vertretern der organischen Architektur und war einer der bedeutendsten Architekten des 20 Jh. Populär wurde er durch die Konstruktionen für die Olympischen Spiele 1972.

Teilen
Email sharing iconFacebook sharing iconLinkedIn sharing iconTwitter sharing icon
poeticwalls logo
BeratungEntwicklungenImmobilienmarktAngebotZusammenarbeitJournalJobs
UnternehmenTeamJuryJury KriterienPoetic CouncilKontaktiere unsNeuigkeiten

Kontaktiere uns

yes@poeticwalls.com+41 44 244 60 42
LinkedIn sharing iconInstagram sharing icon
Anmeldung zum Newsletter

We don't spam

ImpressumDatenschutzDeutschEnglish
© Poeticwalls. 2026