Beide undogmatische Überzeugungstäter
Rudolf Schürmann, Poeticwalls

Auf Wohnungssuche in Zürich besichtigte ich eben ein Reihen-Townhouse, Teil des ehemaligen Fabrikareals der Mühle Tiefenbrunnen. Die Transformation durch Pierre Zoelly (1923 – 2003) geriet zur Pionierleistung für die Umnutzung von Industriearealen, bei dem historischer Bestand mit Neubauten verbunden wurde. Die entstandene Mischung von Wohnen, Arbeiten, Kultur und Retail war in den 80ern branché. Was manifest wurde, als die Schweizer Modekönigin Christa de Carouge – gebürtige Baslerin und Wahlzürcherin – ihre Boutique in der ehemaligen Brauerei/Mühle bezog. Hellsichtige Bauherrschaft: die Familie Wehrli.
Pierre Zoelly’s Pioniermodell ist über die knapp 40 Jahre hinweg relevant geblieben. Für mich der zentrale Gradmesser für gute Architektur: In all der Zeit sind kaum bauliche Eingriffe hinzukommen und die ursprüngliche Nutzung ist plusminus identisch geblieben. Es funktioniert!

Der Zürcher war Aktivposten einer Architekturszene, die von Machern und selbstbewussten Auftraggebern lebte. Baukultur entstand, die Optimismus und Vertrauen in die Zukunft zum Ausdruck brachte. Elektrisierend sind Zürichs Gebäude selten, am ehesten aber in der Phase der Moderne und Spätmoderne. Zuviele Auftraggeber geben sich mit Benchmarking zufrieden. In Innovatives investiert man eher nicht, Experimente treffen auf Verlustangst. Still stapelt sich ein latentes Innovationsdefizit, nicht nur beim Bauen. Und nicht nur in Zürich.
Zur Erholung steige ich in der Architektur-Sonderzone Stadelhofen mit Santiago Calatrava und Ernst Gisel aus der S-Bahn (lasst Calatrava gleich auch den Fleischkäse bei der Oper bauen), schaue beim Schulhaus Leutschenbach von Christian Kerez vorbei (gebt uns einen neuen Kerez!), mache einen Schwenk in die Erweiterung des Landesmuseums von Christ & Gantenbein, oder reise gleich nach Basel. Dort gibt es noch Entwicklungsgebiete, die als Stadtlabor verstanden werden. Dort hat man vielleicht die höchste Konzentration guter Architektinnen und Architekten weltweit. Dort hält sich ein aufgeklärtes Mäzanatentum. Geheimtipp für den Absacker: das Fumoir des Hotels Les Trois Rois von Pierre & Jacques.

Erblickt man in Zürich ein Baugespann, ist die Erwartung eine andere als in Basel: Baukultur ist am Rheinknie DAS Differenzierungsmerkmal. Gilt für Corporate Architecture, Wohnungsbau und Entwicklungsgebiete wie für den Museumsbau und Infrastrukturbau. Humanistische Prägung liegt den Baslerinnen und Baslern historisch nahe. Da hinterlässt man den Ort besser und aufgeräumter als man ihn vorgefunden hat. Besser meint vorausschauender, schöner, menschlicher, partizipativer, das Leben und die Kultur feiernd. Wie das Schaulager, eine amorphe, fensterlose Kiste, in der Vorstadt Münchenstein aus der Erde gepoppt. Hier kommt der andere Pierre, der Basler Pierre – de Meuron –, Mitgestalter dieser Privatsammlung ins Spiel. Pierre Zoelly hält mit dem Heizkraftwerk Aubrugg dagegen, das als Kraftwerk ähnlich kategorie-erweiternd und enigmatisch daherkommt wie das Schaulager zur Unterbringung einer privaten Kunstsammlung. Der Vergleich der beiden Pierre hinkt nur ein bisschen.

Schaut man, was Zürich in den nächsten 10 Jahren baut, darf man sich dennoch freuen. Die Schulanlage Höckler, die Wohnsiedlung Luchswiesen, der reversible Umbau von Kirche zu Schulraum in Wipkingen, das Sportzentrum Oerlikon, das Recyclingzentrum Juch-Areal, weit fortgeschritten: das grosse EWZ-Betriebsgebäude nach den Plänen von Meili/Peter – und so weiter. Ein Fussballstadium ist nicht so bald darunter, pardon. Zürich ist Eishockeystadt, und das passende Stadion dazu – von Caruso St. John – öffnete vor einem Jahr. Liebe FCZ-Ultras, falls ihr eure invasiven Tags und Graffities nicht auf Baukultur hinterlässt, ist mir das eine Runde Negronis wert. Schöne Häuser sorgen für städtische Identität – wie der FCZ auch.
Getrennt durch eine Generation gibt es Gemeinsamkeiten: Die Werke des Zürchers wie des Basler sind Sauerstoff für die Schweizer Nachkriegsmoderne und die Gegenwart. Ihre Beiträge beschleunigen den Puls von Siedlungsräumen. Ein Hoch auf Inhalt, Orientierung, Ausdruck in der Architektur! Pierre Zoelly und Pierre de Meuron eint, dass sie in der Lösung von Problemen und in der Erfüllung von Sehnsüchten gleichermassen virtuos und effizient agieren. Beide haben ein Faible und eine Fertigkeit für das Gestalten plastischer Formen. Wobei Zoelly weniger partnerschaftlich entwarf als de Meuron. Beide Pierre’s waren/sind sich nicht zu fein, sich an der räumlichen Grundlagenforschung abzuarbeiten, um die angewandten Erkenntnisse mit der Kraft der undogmatischen Überzeugungstäter bei ihren Auftraggebern durchzudrücken: Creating Reality ist die oberste Maxime. Ich freue mich und hoffe auf Nachahmungstäter.

Zoelly mit seiner originären Position, die sich um moderne Überväter foutierte, ist einer meiner Favoriten der Schweizer Spätmoderne. Erstens wegen den atypischen Konstruktionen. Ich erinnere mich an den Besuch im Wohnhaus der Eltern der Architektin Gabrielle Hächler, dessen Böden, Wände, Dach sich auf den Betonbaum stützen. Der Baum als zentrale Säule des Hauses, eine grosse und materialsparende Idee! Zweitens wegen seinem Eingehen auf humane und poetische Anforderungen an Räume und Bauten: Erdverbundenheit, Geborgenheit, Urvertrauen, Schutzbedürftigkeit der Menschen wusste Pierre Zoelly auf eindrückliche Weise zu bedienen. Drittens befasste er sich mit Grundlagenforschung, am liebsten mit der Raumbildung unter der Erde.

Pierre de Meuron traf ich als Kaufinteressent seines Einfamilienhauses in Riehen. Über ihn muss man keine Worte verlieren weil so viel Gutes von seinem Büro rumsteht und Auskunft gibt. Dass sein Haus zu verkaufen war, erfuhr ich von Niels Olsen, Co-Direktor der Architekturausstellungsplattform ETH/gta und Enkel des Architekten Ernst Gisel: «Ihr müsst Pierre’s Haus kaufen», fiel Niels mit der Tür ins Haus. Michelle, meine Frau, wollte dann aber nicht in Riehen sondern wieder in Zürich wohnen, Fondation Beyeler hin oder her.

Basler Architektenteams sind an der Limmat grade hyperaktiv. Das vor einem Jahr eröffnete HdM Kinderspital wird von Kindern und Eltern geliebt. Patrick Gmür, Jurymitglied des Architekturwettbewerbs für das Kispi in Zürich-Lengg, berichtete, dass der Niveau-Unterschied zwischen Herzog & de Meuron und den weiteren Wettbewerbern dem von Real Madrid und Clubs der Super League entsprochen hätte. 2030 ist das neue Bildungs- und Forschungszentrum der Universität bezugsbereit, ebenfalls HdM. Gleich nebenan blickt man in Christ & Gantenbeins Baugrube für das neue Universitätsspital Zürich. Riesenkrater. Und am Paradeplatz transformiert HdM am offenen Herz der Finanzindustrie. Das UBS-Bankgebäude mit neuen Nutzungen öffnet sich 2027 dem Publikum.
Zürich tut sich schwer mit innovativem Bauen und Stadtentwicklung. Sicher ein Grund, weshalb Basel mehr Architektur exportiert als Zürich. Eine Einbahnstrasse ist das nicht: Schöne Häuser von jüngeren Zürcher Büros stehen auch in Basel. Der Holzbau der Wohnsiedlung an der Maiengasse von Esch Sintzel etwa. Und nächstens bezugsbereit: das Naturhistorische Museum von EM2A in Basel St. Johann. Vor und nach dem zweiten Weltkrieg war die Exportbilanz ausgeglichener: Otto Rudolf Salvisberg für die Roche, Karl Moser für die katholische Kirche, Hermann und Hans-Peter Baur mit Schulhäusern für Basel.
Wer komplexe Herausforderungen in Wohnbau, Industrie-, Infrastruktur- und Museumsbau auf gleichwertig hohem Niveau löst und mit Grundlagenforschung vorspurt, verdient mindestens einen Strassennamen. Pierre Zoelly Platz klingt doch gut. Pont de Pierre de Meuron?